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Vor 50 Jahren fiel die "Anastasia-Entscheidung"

Anna Anderson BIZ 1920

Vor 50 Jahren, am 17. Februar 1970, fiel vor dem Bundesgerichtshof die so genannte „Anastasia-Entscheidung“.
Was hat es damit auf sich, und worum ging es in dem Urteil?
Die Geschichte von Anna Anderson, die in die Rolle einer Verstorbenen schlüpfte, begann vor fast genau 100 Jahren, am 17. Februar 1920. An diesem Tag stürzte sich in Berlin eine unbekannte junge Frau in den Landwehrkanal. Nach ihrer Rettung brachte die Polizei sie in die Nervenheilanstalt in Dalldorf. Obwohl sie dort schon drei Jahre vorher Patientin gewesen war, erkannte das Personal sie nicht wieder und man registrierte sie als „Fräulein Unbekannt“. Dort blieb sie mehrere Monate, ohne Auskunft über ihren Namen oder ihre Herkunft zu geben. Im Oktober 1921 erschien auf dem Titelblatt der Berliner Illustrierten Zeitung ein Foto der Zarentöchter Tatjana, Maria und Anastasia. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht öffentlich bekannt, dass die gesamte Zarenfamilie – Nikolaus II, Alexandra und ihre fünf Kinder – im Juni 1918 in Jekaterinburg ermordet worden war. Allerdings gab es Gerüchte, und einige davon besagten, dass es einzelnen Familienmitgliedern gelungen sei, ihren Schlächtern zu entkommen und aus Russland zu flüchten.
Ein Patientin in Dalldorf, die das Foto auf dem Titelblatt der Zeitung sah, war überzeugt, dass „Fräulein Unbekannt“ wie die Zarentochter Anastasia aussähe, und machte die Krankenschwestern auf ihre Beobachtung aufmerksam. Als die Schwestern die Ähnlichkeit bestätigten, erklärte die Patientin schließlich, dass sie die Großfürstin Anastasia Romanowa sei. In der Folge kam es zu Kontakten mit russischen Emigranten; teilweise waren es überlebende Familienmitglieder der Romanows, teilweise ehemalige Bedienstete oder Hofdamen. Die Frage, ob es sich um eine Schwindlerin oder die echte Zarentochter handelte, war umstritten, und bald bildeten sich unversöhnliche Lager von Anhängern und Gegnern der angeblichen Anastasia.
Am 17. Februar 1970 befand das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg nach jahrzehntelangen Prozessen, dass „Fräulein Unbekannt“, die sich inzwischen Anna Anderson nannte, nicht eindeutig beweisen konnte, die Tochter und Erbin des letzten Zaren zu sein. In der Urteilsbegründung hieß es: „Der Richter darf und muss sich aber in tatsächlich zweifelhaften Fällen mit einem für das praktische Leben brauchbaren Grad an Gewissheit begnügen, der den Zweifeln Schweigen gebietet, ohne sie völlig auszuschließen.“
Den endgültigen Beweis lieferte erst 1994 ein DNA-Test und ein Vergleich mit den Überresten der Zarenfamilie, die inzwischen gefunden und identifiziert worden waren. Die angebliche Zarentochter war schon seit 10 Jahren tot. Allerdings hatte man von ihr eine Gewebeprobe entnommen, als sie im August 1979 im Martha-Jefferson-Hospital in Charlottesville operiert worden war.
Der wissenschaftliche Nachweis, dass Anna Anderson nicht mit den Romanows verwandt sein konnte, war für die Anhänger der „Zarentochter“ ein herber Schlag. Der amerikanische Historiker Peter Kurth, der sich fast 30 Jahre mit Anna Anderson beschäftigt und Belege für die Echtheit ihrer Behauptungen zusammengetragen hatte, schrieb. „Bloß wegen der paar Tests kann ich doch nicht einfach sagen, naja, dann habe ich mich eben geirrt. (…) Ich finde, es ist jammerschade, dass eine so eindrucksvolle Legende (….) nun plötzlich auf ein kleines Glasplättchen reduziert werden sollte.“
Tatsächlich war Anna Anderson längst von ihrer eigenen Legende eingeholt worden. Schon 1955 eroberte das Theaterstück „Anastasia“ von Marcelle Mauretti die Bühnen in New York. 1956 erschienen gleich zwei Spielfilme – ein deutscher mit Lilli Palmer und ein amerikanischer mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle. Und um die Geschichtsverkitschung auch auf die Familienunterhaltung auszudehnen, brachte die 20th Century Fox 1997 den Animationsfilm „Anastasia“ mit viel herzerweichender Musik heraus.
Dass Anna Anderson mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine polnische Fabrikarbeiterin namens Franziska Schanzkowski war, passt nicht zu diesem romantischen Märchen. Aber die DNS ist unfehlbar, das Ergebnis eindeutig.
Ein Rätsel um Anna Anderson bleibt jedoch auch heute noch bestehen:
War sie wirklich eine gewissenlose Hochstaplerin, die es auf das Vermögen der Zarenfamilie abgesehen hatte? Oder war sie „nur“ eine psychisch kranke Frau, die von Menschen, die daran glauben wollten, so lange in die Rolle der überlebenden Anastasia gedrängt worden war, bis sie eines Tages selbst davon überzeugt war?
Übrigens: Es gab noch eine ganze Reihe von Personen, die sich als Überlebende der Zarenkinder ausgaben. So zum Beispiel eine Frau Eugenia Smith in Chicago, die ebenfalls beteuerte, Anastasia zu sein, und sogar zahlreiche Unterstützer hatte. Bei einem tränenreichen Zusammentreffen schloss sie 1952 ihren angeblichen Bruder Alexej in die Arme, der in Wirklichkeit ein russischer Spion war und Michael Goleniewski hieß...

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